Der berufliche Weg startet vor dem Lehrvertrag – Interview mit Isidro Marques
Isidro arbeitet seit bald zehn Jahren als Integrationsspezialist bei der Stiftung Battenberg. Gemeinsam mit Anita Amstutz ist er für den Bereich Intake verantwortlich. In seinem Interview zeigt er auf, wie berufliche Integration nicht mit dem Lehrvertrag beginnt, sondern mit sorgfältiger Abklärung, Vorbereitung und flexibler Begleitung.
Du arbeitest seit einigen Jahren im «Intake» der Stiftung Battenberg. Kannst du uns erklären, wofür das Intake-Team zuständig ist?
Wir sind die ersten Ansprechpersonen für Case Manager:innen der IV-Stellen aus der ganzen Schweiz, die sich beraten lassen oder jemanden für eine berufliches Integrationsprogramm anmelden möchten. Wir koordinieren die internen Teams, prüfen die Verfügbarkeit von Ausbildungsplätzen und leiten Anfragen von Privatpersonen, Schulen oder Beiständen an die zuständigen IV-Stellen weiter.
Was ist das Besondere an dieser Triagierung?
Die Programme der Stiftung Battenberg sind sehr vielfältig und die Auswahl der Berufe sehr breit: Wir bieten Ausbildungen in 14 Berufsfelder und 45 Berufen auf den Niveaus EFZ, EBA sowie Praktische Ausbildung nach INSOS. Bei einer Anmeldung müssen wir nicht nur genau prüfen, welche Interessen eine Person hat, sondern auch welche spezifischen Bedürfnisse. Wir müssen sicherstellen, dass wir diesen gerecht werden, also das richtige anbieten können. Medizinische Pflegeleistungen, zum Beispiel, können wir vor Ort nicht anbieten, jedoch können wir bei Bedarf eine passende Wohnlösung aus unserem Wohnangebot vermitteln.
Welche Schritte erfolgen vor dem offiziellen Beginn einer beruflichen Ausbildung?
Nachdem das geeignete berufliche Programm definiert wurde, findet ein Vorstellungsgespräch statt. Die künftige teilnehmende Person besichtigt die Räumlichkeiten, lernt das Team des gewählten Berufsfelds kennen und trifft ihre Integrationsfachperson, die sie während der gesamten Zeit bei der Stiftung als Bezugsperson begleitet.
Damit zukünftige Lernende den für sie passenden Weg finden, ist es oft sinnvoll, vor der offiziellen Lehre mit einer Schnupperlehre einzusteigen. Es können mehrere Schnupperphasen in unterschiedlichen Berufsfeldern organisiert werden.
Ebenfalls ist es wichtig, das passende Ausbildungsniveau zu bestimmen, damit die Lernenden genau den Ausbildungsrahmen erhalten, in dem sie sich wohl fühlen. Ein grosser Vorteil bei Battenberg ist, dass wir in den meisten unserer 14 Berufsfelder Ausbildungen auf allen drei Niveaus anbieten. Also EFZ (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis), EBA (Eidgenössisches Berufsattest) und PrA-INSOS (Praktische Ausbildung nach INSOS). So ist es möglich, dass die meisten die für sie passende Tätigkeit finden, unabhängig vom Ausbildungsniveau.
Zur Bestimmung des Niveaus werden schulische Tests durchgeführt. Je nach Ergebnis folgen eine Beobachtungsphase sowie eine Vorbereitung auf die Ausbildung. Auf diesem Weg wird dafür gesorgt, dass zukünftigen Lernenden bereits vor dem offiziellen Lehrbeginn gut auf ihre Ausbildung vorbereitet und eingestimmt sind. Wenn alles positiv verläuft, kann die Lehre beginnen.
Die Schritte scheinen klar definiert. Ist es dennoch möglich, den Kurs zu ändern?
Ja, wir sind hier sehr flexibel und gewisse Wechsel werden auch gefördert. Zum Beispiel der Wechsel des Ausbildungsniveaus. Wenn Lernende im Verlauf der Ausbildung besonders gute Leistungen erbringen, kann ein Wechsel auf ein höheres Niveau erfolgen: von der Praktischen Ausbildung zu EBA oder sogar von EBA auf EFZ. Das kommt immer wieder vor.
Umgekehrt kann es auch vorkommen, dass ein Wechsel nach unten notwendig wird. Um das möglichst zu vermeiden, werden die Lernenden neben ihrer Integrationsfachperson von Berufsbildner:innen begleitet, damit ihre fachlichen Kompetenzen bestmöglich gefördert werden können. Wenn es um schulische Leistungen geht, steht unsere interne Schule zur Verfügung. Dort sollen Fortschritte erzielt und konkrete Lücken in Fächern wie Mathematik, Sprache, Allgemeinbildung oder Sport geschlossen werden.
Und was, wenn das Niveau passt, aber nicht der Beruf?
Auch hier sind wir dank unseres durchlässigen Angebots flexibel. Wenn sich abzeichnet, dass ein Beruf aus unterschiedlichen Gründen wirklich nicht passen sollte, können wir mit internen Schnuppereinsätzen Alternativen ausprobieren und gemeinsam mit den Lernenden, den Bezugspersonen und den IV-Stellen entscheiden, ob ein Wechsel sinnvoll ist und wenn ja, wohin.
Was ist die grösste Herausforderung beim Übergang in die Ausbildung?
Manche Jugendliche haben keine klare Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft – was angesichts ihres Alters verständlich ist. In dieser Situation die Weichen für eine berufliche Zukunft zu legen, kann dann schnell überfordernd sein und zu Abbrüchen führen, was für sie sehr frustrierend ist. Um auch in dieser Übergansphase zu unterstützen, haben wir kürzlich das Programm «the frame» lanciert.
Kannst du uns mehr über dieses neue Programm erzählen?
„The frame“ richtet sich an Jugendliche, die ihre obligatorische Schulzeit abgeschlossen haben, jedoch noch kaum oder keine klare berufliche Orientierung besitzen. Es ist eine Übergangslösung zwischen Schule und beruflicher Ausbildung, mit dem Ziel, innerhalb von zwölf Monaten gemeinsam eine Anschlusslösung zu finden und darauf hinzuarbeiten.
Die Jugendlichen entdecken Interessen, probieren verschiedene Tätigkeiten aus und übernehmen Verantwortung. Sie arbeiten an persönlichen Projekten, führen Gruppenarbeiten durch und absolvieren interaktive Module zu Themen des Alltags. „the frame“ bedeutet am Ende, dass sie im Programm einen Rahmen haben, in dem sie sich individuell entwickeln können.
Derzeit nehmen 21 Jugendliche am Programm teil. Die Rückmeldungen von Jugendlichen, Eltern sowie den IV-Stellen sind positiv.
Und zum Schluss: Was denkst du ist in der Integration in den Arbeitsmarkt besonders wichtig?
Einerseits, dass die Menschen mit besonderen Bedürfnissen individuell begleitet werden und andererseits, dass sie während ihrer Ausbildung auch möglichst viel Realitätsbezug haben. Deswegen legen wir den Schwerpunkt in der Ausbildung auch auf die Praxis. Unter anderem durch Praktika im Netzwerk unserer Partnerunternehmen. Das übergeordnete Ziel ist daher auch, dass die Lernenden ihr letztes Ausbildungsjahr direkt in einem Betrieb des ersten Arbeitsmarktes absolvieren.
Und: Damit die Integration auch wirklich nachhaltig ist, bieten wir auch Coachings an, bei denen wir die Lehrabsolvent:innen bis zu drei Monate nach dem Lehrabschluss weiter begleiten.
Vielen Dank, Isidro, für das Interview und deine Zeit.
Isidro Marques und Anita Amstutz stehen Ihnen gerne für Auskünfte und Beratungen zur Verfügung:
032 344 25 22
Isidro Marques und Anita Amstutz aus dem Intake-Team